Brief an die Bürgerinitiative Ehrenmal

Sebastian Pewny
Mitglied des Rates der Stadt Bochum
Voedestraße 5
44866 Wattenscheid
www.sebastian-pewny.de
info@sebastian-pewny.de

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Frau Telschow-Böcker,

herzlichen Dank für ihren Brief und ihr Engagement mit Bezug auf die Planungen rund um die Aufwertung und Umgestaltung der Fläche Ehrenmal in Wattenscheid-Mitte.

Im Hinblick auf eine transparente Kommunikation erlauben Sie mir sicherlich vorab eine kurze Vorstellung. Mein Name ist Sebastian Pewny, ich bin 26 Jahre alt und wohne seit meiner Kindheit in Wattenscheid. Seit 2014 bin ich Mitglied des Rates der Stadt Bochum und vertrete meine Fraktion in den politischen Feldern Umwelt, Sicherheit, Ordnung, Mobilität, Infrastruktur, Rechnungsprüfung und Regionalpolitik. Ich antworte Ihnen heute stellvertretend für die Fraktion der Grünen im Rat der Stadt Bochum, sowie die Bezirksfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Wattenscheid.

Ihrem Brief entnehme ich, dass wir uns in der Analyse den Zustand der Grünanlage betreffend einig sind. Die Grünanlage Ehrenmal befindet sich in einem traurigen Zustand und ist in den letzten Jahren, bedingt durch Stürme, Vandalismus, Verfall und Baumkrankheiten arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Die schwierige Sozialentwicklung im Stadtteil Wattenscheid-Mitte tut ihr übriges zur Situation dazu. Eine angemessene und benötigte Aufenthalts- und Lebensqualität der Grünanlage ist kaum noch gegeben. Sie ist außerdem, besonders in den Abendstunden, für viele Bürgerinnen und Bürger in der subjektiven Wahrnehmung zu einem Angstraum geworden. Ein dringender Handlungsbedarf ist das Gebot der Stunde.

In Anerkennung dieses Handlungsbedarfes wurde bereits mit Erstellung des ISEK Wattenscheid und stärker noch nach dem zerstörerischem Sturm Ela immer wieder darauf hingewiesen, dass die Grünanlage Ehrenmal eine Überplanung und Umgestaltung benötigt. Die Planungen dazu sind seit Jahren unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, Schülerinnen und Schülern sowie der Politik entstanden.

Ich möchte meine Antwort, wenn Sie erlauben, in drei Teile differenzieren. Diese Differenzierung halte ich für notwendig, da sonst Dinge vermischt werden, welche meiner Ansicht nach nur bedingt zusammengehören.

Die Neugestaltung der Grünanlage
Als GRÜNE begrüßen wir einen abgetrennten innenstadtnahen Hundespielplatze in der Grünanlage. Immer mehr Menschen haben einen Hund oder eine Hündin als Haustier. Auch um der zunehmenden Vereinsamung im Alter entgegenzuwirken. Hunde brauchen auch abseits der Leinenpflicht die Möglichkeit sich auszutoben, zu lernen und mit ihrem Besitzer in Interaktion zu treten. Eine solche Möglichkeit kann hier geschaffen werden und ist daher sehr überlegenswert.

Die Einrichtung einer kleinen Bühne oder eines Musikpavillons, wie man ihn aus vielen Londoner Grünanlagen kennt, begrüßen wir ausdrücklich. Freie Musiker haben so die Möglichkeit mit ihrem Instrument in den Sommermonaten das Ambiente durch wohlklingende Musik zu bereichern und dem Park ein besonderes Feeling zu verleihen. Solche sozialen Räume in Parkanlagen können auch dazu führen, dass Menschen länger im Grünen verweilen.

Die Einrichtung gastronomischer Versorgungsanschlüsse sehen wir nicht als unbedingtes Erfordernis an, aber wir lehnen diese auch nicht kategorisch ab. Die Möglichkeit in Sommermonaten hier ein Stadtteilfest in der Grünanlage durchführen zu können würde durch solche Anschlussmöglichkeiten erleichtert. Auch die Einrichtung von dauerhaften Toilettenanlagen, ähnlich denen im Stadtgarten in Wattenscheid, wären dann leichter umzusetzen.

Die optische Abtrennung der Grünanlage von anderen Verkehrswegen beurteilen wir äußerst positiv, da dadurch eine natürliche Barriere geschaffen wird, welche den Naturraum schützt. Eine Mauer oder Hecke ist außerdem Lebens- und Schutzraum vieler unterschiedlicher Tierarten, die sich in der neuen Grünanlage ansiedeln können.

Schon heute ist glücklicherweise zu beobachten, dass die in der Wattenscheider-Innenstadt und Umgebung lebenden Kinder und Heranwachsenden wieder häufiger draußen spielen. In der Fußgängerzone sind diese nachmittags bereits zu dieser Jahreszeit beim Ballspielen zu beobachten. Diese Beobachtungen machen doch deutlich, dass das Spielplatz- und das vereinsungebundene Sportangebot in der Innenstadt fast nicht vorhanden sind. Wir finden es daher klug und richtig in der Grünanlage bewährte Spielanlagen zu erhalten, neue Spielmöglichkeiten zu schaffen und das Platzangebot für Freizeitsport auszubauen. Diese Idee ist nicht neu, sondern in vielen europäischen Städten mit vergleichbarer Sozialstruktur zu beobachten. Solche Spielachsen heben nicht nur die Aufenthaltsqualität auf ein völlig neues Niveau, sondern bieten auch das Potenzial einer sich selbstorganisierten Sozialarbeit.

Die von ihnen abgelehnte Abtrennung von Flächen für den motorisierten Individualverkehr sehen wir in den momentanen Planungsvorhaben überhaupt nicht. Alle uns vorliegenden Unterlagen sehen keine Flächeneinschränkung der Grünflächen zu Gunsten des MIV vor. Auch die geplante Bushaltestelle nimmt keine tatsächlichen Freiflächen in Anspruch. Lediglich die Wege- und Platzaufteilung wird neu sortiert.
Insgesamt wird das Ehrenmal durch die Überplanung eine deutliche Aufforstung im Baumbestand erleben. Das ist richtig und wichtig und vor allem schon lange überfällig. Wir werden diesen Aspekt mit besonderer Hingabe beobachten und begleiten.
Die Anlegung asphaltierter Wege, anstelle der bisherigen Wege, in der Grünanlage Ehrenmal ist für uns, auch vor dem Hintergrund neuster Erkenntnisse der Freizeitwegeplanung beim Regionalverband Ruhr, eine denkbare Möglichkeit, die wir im weiteren Entscheidungsprozess untersuchen lassen werden.

Thema Verkehrssituation
Die Bahnhofstraße ist eine Straße, welche laut Lärmaktionsplan der Stadt Bochum besonders stark belastet ist. Wir sehen neben den Vorteilen im Sinne einer Stadt der kurzen Wege für Schülerinnen und Schüler, sowie Parkbesucherinnen und Parkbesucher auch den Vorteil einer natürlichen Entschleunigung auf der Bahnhofstraße. Diese Entschleunigung kann zu Verkehrsverlagerungen auf die besser ausgebauten Straßen führen und den allgemeinen Verkehrslärm reduzieren. Außerdem wird durch diese Anlage die Verkehrssicherheit rund um die Überquerung der Bahnhofstraße an dieser Stelle neu geregelt und maßgeblich verbessert. Insgesamt entstehen an der Bahnhofstraße neue Parkplätze und mit dem RRX ergeben sich Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Schaffung von neuem Parkraum am Bahnhof. Darauf werden wir im Verfahren achten.

Umgang mit der Krypta
Zunächst erlauben Sie mir hier eine persönliche Note in meinen Brief einzubringen. Mein Familienname steht auf den Gedenktafeln, für die diese Krypta angelegt wurde. Zwei Verwandte aus meiner Familie sind Opfer der Weltkriege geworden und bei einem Luftangriff in Westenfeld während eines Verteidigungseinsatzes gefallen. Jene, die dort auf den Gedenktafeln stehen, sind Opfer zweier von Deutschland geführten Angriffskriege geworden.

Die Anlage Ehrenmal als Gedenkstätte wurde auf Druck von nationalen und reaktionären Kräften durch die „Wattenscheider Koalition“ geplant und letztlich eingeweiht.
Wattenscheid war und ist eine antifaschistische Stadt. Wattenscheids einstiger Oberbürgermeister Dr. Ueberhorst (SPD) hat sich auch nach der Machtergreifung durch die NSDAP geweigert eine Hakenkreuzfahne am Wattenscheider Rathaus zu hissen. Er nahm dafür seine Inhaftierung in Kauf. Mit Fritz Noll (KPD) hatte Wattenscheid seinen ersten Nachkriegsoberbürgermeister. Während der Schreckensherrschaft der NSDAP, auch in Wattenscheid, wurde die Wattenscheider Synagoge niedergebrannt. Zahlreiche Wattenscheider Jüdinnen und Juden wurden, wie im ganzen Land, deportiert und in Gefangenen- und Konzentrationslagern ermordet.

Die von Hannes Bienert aufgestellte Gedenktafel erinnert an die Wattenscheider Synagoge, die Wattenscheider Jüdinnen und Juden und diesen unsäglichen Terror von Nazideutschland. Der Platz vor dem Wattenscheider Rathaus erinnert an das jüngste Wattenscheider Opfer des Holocaust Betti Hartmann. An jener Stelle wehen heute die Fahnen unserer Stadt und unseres freien und demokratischen Landes. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Krypta im Ehrenmal eine Tafel mit den Gefallenen des zweiten Weltkrieges hinzugefügt.

Die Krypta und das sie umgebende Denkmal ist ein Relikt der Vergangenheit. In ihrer Bauart und in ihrem Stil erinnernd an das dritte Reich. Die Krypta erinnert an deutsche Soldatinnen und Soldaten die im Einsatz für ihr Land das Leben ließen. Dieses Denkmal passt nicht zu uns. Es passte nie in unser Wattenscheid. In der Vergangenheit nutzten nationalsozialistische Kräfte und reaktionäre Menschen das Denkmal als Erinnerungs- und Propagandafläche für ein Menschenbild, das weder mit den Grundsätzen unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung noch mit den internationalen Menschenrechten im Einklang steht.

Wir wollen uns nicht an Deutschen Krieg und Terror in dieser Form erinnern. Wir als Grüne empfinden in der Erinnerung an die Deutschen Angriffskriege und den millionenfachen Massenmord tiefe Demut und Verantwortung. Für uns steht der Leitsatz: „Nie wieder Faschismus“. Dieses Denkmal ist, gewollt oder nicht, ein Symbol des Faschismus geworden. Lange Jahre hat die nationalsozialistische Partei NPD hier Aufmärsche abgehalten und Veranstaltungen gefeiert und in der Hochzeit der humanitären Hilfe Deutschlands für viele Geflüchtete hat just hier die NPD eine Bürgerwehr gegen Geflüchtete gebildet und sich vor der Krypta fotografiert.

Ich möchte daher ganz ehrlich zu Ihnen sein: Meinetwegen kann das gesamte Denkmal abgerissen, verfüllt und völlig verändert werden. Es ist ein falsches Denkmal mit dem falsche Erinnerungen assoziiert werden. Ihren Vorschlag neben dem Gedenken an die Kriegsopfer auch Platz für alle Opfer von Gewalt und Terror zu schaffen kann ich nicht unterstützen. Es wäre eine Zumutung für jene die unter der Schreckensherrschaft von Terror und Gewalt leiden, wenn sie sich eine Gedenkstelle mit solchen teilen, die Terror verbreitet haben.

Damit will ich nicht die einzelnen Familiennamen auf den Gedenktafeln schlechtreden. Weit gefehlt, aber das Regime dem sie dienten, mögen die Gründe noch so ehrenhaft gewesen sein, hat nun einmal Terror verbreitet.

Unser Vorschlag ist die dauerhafte Überführung der Gedenktafeln auf einen Friedhof, oder in das Stadtarchiv und die Schaffung einer völlig anderen Erinnerungskultur mit neuem Denkmal im Park Ehrenmal. Wir haben dazu verschiedene Vorstellungen. Beispielsweise die Anlegung eines breiten Rosenfeldes aus weißen Rosen, welches an den Widerstand der Scholl-Geschwister erinnert. Wir können uns außerdem vorstellen dort ein blaues Monument entstehen zu lassen, als europäisches Mahnmal für den Frieden unter den Völkern. Für solcherlei Ideen sind wir jederzeit zu haben. Wir beabsichtigen außerdem den Park mittelfristig an die neue Erinnerungskultur angelehnt neu zu benennen.

Mir als Nachfahre zweier auf den Gedenktafeln genannten Personen ist es ein Anliegen die Gedenktafeln an einen würdevollen Ort aufbewahrt zu wissen und doch eine neue und völlig andere Erinnerungskultur zu etablieren. Beide hätten ohne Krieg, ohne Terror und ohne deutsche Angriffs- und Machterweiterungspolitik ein langes Leben bei ihren Familien führen können. Millionen von Menschen hätten völlig andere Lebensläufe haben können und wären ohne Ermordung, Verfolgung und unendliches Leid ihres Weges gegangen.

Die rechtlichen Beurteilungen, hinsichtlich der Krypta und ihres womöglich denkmalgeschützten Status und der Förderrichtlinien mag ich, auch in Ermangelung juristischer Fachkenntnis, nicht abschließend bewerten können. Die Krypta ist stark beschädigt. Der gesellschaftliche und politische Wille zur Veränderung ist gegeben und eine vernünftige Erinnerungskultur ist unser aller Pflicht und Verantwortung.

Abschließend bleibt mir zusammenfassend nur die Möglichkeit das Bedauern darüber auszudrücken, dass wir als Grüne in Rat und Bezirk ihren Forderungen daher nicht folgen können. Ich habe ihnen die vielfältigen Gründe für unsere Position in dieser Angelegenheit dargelegt. Ich bitte Sie dafür um Verständnis oder mindestens um die Tolerierung dieser unsrigen Position.

Wir wissen um die Emotionalität dieses Themas und anhand meiner umfangreichen Antwort sehen Sie, dass wir uns viele Gedanken um das Projekt gemacht haben. Ich bitte Sie unsere Antwort wohlwollend und im Sinne eines sachlichen Streits von Demokratinnen und Demokraten zu betrachten. Geben Sie diesen Brief daher gerne an ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter weiter.

Ich möchte meinen Brief mit den mahnenden Worten eines ganz großen Deutschen schließen, welcher noch heute durch seine hinterlassenen Reden, Worte und Schriften eine inspirierende Kraft entfalten kann:

Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Haß zu schüren.
Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß
gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder gegen Türken,
gegen Alternative oder gegen Konservative,
gegen Schwarz oder gegen Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit.

Richard von Weizsäcker

Hochachtungsvoll,

Sebastian Pewny, am 9. März 2018 in Wattenscheid
Mitglied des Rates der Stadt Bochum